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Sambia/Malawitour 2006 - Gereichtsverhandlung in Malawi

in REISEBERICHTE 30.06.2014 15:23
von Ritschi • Rock-Dassie | 8 Beiträge

Liebe Fomis,
gern komme ich Eurem Wunsch nach über unser Hilfsprojekt in Malawi und über die Geschichte mit der Gerichtsverhandlung zu berichten. Da beides zu umfangreich wird, möchte ich hier zunächst vorrangig über die Gerichtsverhandlung schreiben. Der 2. Teil über das Hilfsprojekt folgt später.

Für 2006 hatten wir zunächst nur eine Rundreise in Sambia gedacht. Da jedoch der Süden von Malawi hier in Reichweite lag, haben wir ( Wir = Günni, Nase, Pit, Schorsch und Ritschi) überlegt, eine uns bekannte Missionsstation in Muona zu besuchen.

Die Missionsstation (Krankenhaus mit Schulkomplex) wird seit über 40 Jahren von unserer örtlichen Kirchengemeinde mit Spenden unterstützt. Ich selber habe bin hierfür auch als Ministrant bzw. Sternsinger um die Häuser in unserer Gemeinde gezogen um Spendengelder „für Schwester Rita in Malawi, in Muona“ zu sammeln. Schw. Rita ist eine deutsche Nonne mit Stammsitz in Münster (Westf.), die mit anderen Ordensschwestern über viele Jahre die Station in Muona aufgebaut hat. Schw. Rita genießt heute ihren Ruhestand im Ordens-Stammhaus in Münster.

Also haben wir gedacht, lass uns bei dieser Gelegenheit mal die Station in Muona besuchen. Wir hatten unsere Reise als Einwegtour geplant. Landung in Lusaka, Übernahme 4x4 Mietwagen und los ging es zunächst in Richtung Norden bis zur Chimfunshi Schimpansen Farm (mit der Hippo-Dame Billy). Dann zurück über die Great East zum Kasanka NP mit den Tausenden oder Millionen von Bats, das war schon gewaltig. Nächste Stationen waren Kapishya Hot Springs, North- und South Luangwa. Danach sollt es über die Grenze nach Malawi gehen. Unterwegs ist Schorsch aufgefallen, dass er die für Malawi vorgeschriebene Gelbfieberimpfung vergessen hatte. Also haben wir Schorsch dann selber geimpft, indem wir den Impfstempel aus einem anderen Impfpass abgemalt bzw. in Schorsch Impfpass übertragen haben, Unterschrift von Dr. Günni – und schon war der Schorsch geimpft.

Nach den Grenzformalitäten sagte noch einer im Auto er hätte irgendwo gelesen, dass wir für irgendeine Versicherung noch zusätzliche 10 $ hätten zahlen müssen. Das wir diesem Hinweis keine weitere Beachtung geschenkt haben, sollte sich später noch rächen. Nach der ersten Malawi-Übernachtung in Lilongwe in der Kumbali-Lodge machten wir uns auf dem Weg zum Sun’n Sand Resort am Malawi See.

Bekanntlich befinden sich in Afrika vor fast allen größeren Städten oder Kreuzungen Kontrollpunkte bzw. Police Blocks. Meistens werden Touris durchgewinkt, oder es gibt einen kurzen Smalltalk usw. Vor Salima war es diesmal jedoch anders. Bei der Überprüfung der Papiere fehlte eine Fahrzeug Versicherung für Malawi. Wir hatten übersehen, dass die Versicherung nur für Sambia und nicht für Malawi gültig war.

Mit einem freundlichen Gespräch und einer kleinen Aufmerksamkeit, hätten wir das mit dem Polizeibeamten sicherlich regeln können. Aber hier standen einfach zu viele Polizeikollegen und dazu noch jede Menge Schaulistige herum. Also wurden wir bzw. unser Fahrer „Nase“ verhaftet. Wir mussten dann den netten Polizisten mit in unserem Wagen quetschen und ihn mit zur Polizeiwache fahren. Die Polizeiwache in Salima war ein großer Komplex mit Gefängnis und Gericht. Zu dritt sind dann wir mit dem Polizisten in die Polizeiwache gegangen, um das Protokoll aufzunehmen. Man muss sich das jetzt ein wenig bildlich vorstellen können. Wir sitzen also zu dritt vorm Schreibtisch des Beamten, der zunächst seinen Schlagstock aus dem Gürtel zieht um mit diesem Schreib-Linien auf dem weißen Protokollblatt zu ziehen. Seitlich von uns stand die Tür auf, so dass wir in dem Vorraum des Gefängnistraktes schauen konnten, wo ständig Frauen mit gefüllten Wasserbeuteln oder Lebensmitteln herein kamen um ihre im Knast sitzenden Ehemänner zu versorgen. Bekanntlich bedeutet Zeit in Afrika ja nicht viel. Nach ca. 15 Minuten, nachdem der Polizist mit dem Linienziehen fertig war, begann er mit der Protokollaufnahme. Unter Berücksichtigung, dass das afrikanische Englisch mit unserem gelernten Schulenglisch häufig schlecht verstanden wird, haben wir das Protokoll bereits nach 1 ½ Stunde hinbekommen. Wegen fehlendem Kohle/Durchschlagspapier musste nun das gesamte Protokoll nochmals als 2. Ausfertigung abgeschrieben werden. Also Schlagstock raus…… den Rest könnt Ihr Euch denken.

Nach dieser Aktion ca. gegen 14:00 Uhr wurde uns dann verkündet, dass sich der Angeklagte bzw. unser Fahrer Nase um 16:00 Uhr zur Gerichtsverhandlung nebenan einfinden möge. Gleichzeitig wurden uns die Pässe und Wagenschlüssel abgenommen. Da standen wir nun neben unserem Fahrzeug auf dem Polizei/Gefängnishof und mussten erst mal überlegen, wie es weiter gehen könnte.

Zunächst haben wir mit der deutschen Botschaft in Lilongwe telefoniert. Das Gespräch hat uns auch nicht weitergeholfen, da man einen solchen Fall noch nicht hatte. Der einzige Rat der uns gegeben wurde, wir sollten uns einfach mal Dumm stellen und man wünschte uns noch Good Luck!
Dann haben wir Nase für die bevorstehende Gerichtsverhandlung präpariert indem er sich den Langenscheid Übersetzer in die Tasche stecken und sich den Ablauf von anderen Gerichts-verhandlungen anschauen sollte.

Im Vergleich dazu ist Barbara Salesch Kinderkram. Man muss ich das Gerichtsgebäude ähnlich einem Dining-Bereich/Veranda einer Lodge vorstellen, allerdings alles rustikaler. Ein ovaler, ca. 12 – 15 m langer und 6 m breiter Raum mit Stroh überdacht, getragen von einigen runden Stützhölzern und dazwischen rundum mit einer ca. 80 hohen Mauer umgeben, ansonsten offen. Wenn der Angeklagte diesen Raum betritt, muss er zunächst vor dem Richter einen tiefen Diener (mit dem Kopf fast bis auf dem Boden) machen. Der Richter sitzt erhöht auf einem 60 cm hohen Podest, davor ein großer Tisch umhüllt mit der Nationalflagge. Der Richter war auch der einzige Schwarze, der sehr gut genährt war. Ich schätze mal um die 120 kg aufwärts.

Pünktlich gegen 16:00 Uhr war Nase dann an der Reihe. Wie gelernt betrat Nase das Oval und machte einen tiefen Diener vor dem Richter, dann durfte er auf der Anklagebank Platz nehmen. Neben Nase setzte sich sein Pflichtverteidiger, ein Mann (vermutlich ein Polizist) in grüner Militäruniform. Wir und ich glaube der gesamte Ort stand mind. in 3-er Reihen ebenfalls um das Oval – Weiße vor Gericht, das hat es hier wohl noch nicht gegeben. Ich hätte diese Szenerie gerne fotografiert, jedoch sind Fotos von öffentlichen Gebäuden bekanntlich bei Strafe verboten. Und heimlich habe ich mich nicht getraut und wir wussten ja auch noch nicht, wie die Verhandlung ausgehen würde.

Vom Gerichtsschreiber wurde dann das Protokoll verlesen. Anschließend wurde Nase vom Richter zu seinem Vergehen befragt. Das Thema deutsches und afrikanisches Englisch hatten wir ja schon. Auf jeden Fall haben wir nichts verstanden. Da der Richter keine Antwort bekam, wollte er als nächstes den Polizisten als Zeugen vernehmen der uns verhaftet hatte. Dieser sei allerdings nicht mehr vor Ort, die Verhandlung sollte dann auf den nächsten Tag vertagt werden. Das haben wir dann sofort verstanden. Eine Nacht in einem afrikanischen Knast – niemals. Die Rettung brachte dann das Langenscheid-Büchlein. Nase hatte das Wort gefunden. Es ging einfach darum, dass er die Tat gestehen sollte. Das tat er dann auch. Jetzt ging alles sehr schnell, Nase wurde vom Richter zu einer Strafe von über 100.000 Kwacha (= ca. 70,00 €) verurteilt.
Die Strafe konnte nicht vor Ort bezahlt werden, sondern dafür war ein Büro außerhalb der Stadt zuständig. Also mussten wir mit unserem Fahrzeug den Gerichtsdiener mitnehmen um dorthin zu fahren. Damit es im Auto nicht zu eng wird, sind Günni und Schorsch beim Polizei/Gefängniskomplex verblieben und haben es sich draußen auf einer Bank gemütlich gemacht. Während wir zum Bezahlen unterwegs waren, haben Günni und Schorsch die nächste Überraschung erlebt. Plötzlich geht eine Tür am Gefängnisgebäude auf, vorweg ein Uniformierter mit Pumpgun im Anschlag, danach folgten die Gefangenen, zu zweit an den Füßen zusammen gekettet, viele Reihen nacheinander, alle Männer mit nacktem Oberkörper und jedes Pärchen einen Eimer Wasser in der Hand. So zog der Tross seitlich um das Gebäude um sich an einem Trog mit dem Wasser aus dem Eimer zu waschen. Die gewaschenen gingen dann durch eine hintere Tür wieder ins Gefängnisgebäude. Am Ende der zweireihigen Polonaise ging wieder ein Wärter mit Pumpgun. Günni und Schorsch konnten das Szenario von Ihrer Bank aus einer Entfernung von ca. 20 Meter verfolgen, trotzdem konnten Sie den extremen Geruch jedes einzelnen Gefangenen wahrnehmen.

Nach dem Bezahlen der Strafe sind wir zurück gefahren um Günni und Schorsch aufzunehmen bzw. mussten wir noch den Grund unserer Verhaftung, die fehlende Versicherung abschließen. Hierfür sollte es ein Versicherungsbüro im Zentrum von Salima geben. Just in diesem Moment tauchte grinsend der vermisste Polizist auf, er bot sich freundlich an mitzufahren um uns den Weg zum Versicherungsbüro zu zeigen, was er dann auch tat.

Am Versicherungsbüro angekommen, saßen dort zwei Mitarbeiterinnen beim Telefonieren per Handy. Als wir das Gebäude betraten, grinsten uns Beide sofort an, die wussten Bescheid. Die Nachricht von den 5 weißen Deppen ging wohl gerade telef. durch den kompletten Ort. Nach 5 Stunden hatte die Abzocke ein Ende gefunden. Es war jetzt stockdunkel. Bis zur nächsten Unterkunft mussten wir noch einige Zeit fahren. Gegen 22:00 Uhr sind wir dann im Sun’n Sand Resort am Malawisee angekommen. Wir haben sogar noch etwas zu Essen bekommen. Anschließend wurde die Bar geentert und „Freedom Nase“ gefeiert. Man stelle sich vor, Nase hätte eine Nacht im Knast verbracht, in Ketten mit blankem Oberkörper, gar nicht auszudenken. Letztendlich ging hier nur um reine Abzocke.

Um unseren weiteren Tourplan einzuhalten mussten wir am frühen Morgen weiter Richtung Süden fahren. Vom Malawisee haben wir leider nicht viel gesehen. Da Nase abends zuvor seine Freiheit ausgiebig gefeiert hatte, musste Pit zunächst das Fahren übernehmen. Als nächste Ziele standen der Liwonde NP, das Zomba Plateau sowie die Muona-Missionsstation auf dem Programm. Davon berichte ich später im 2. Teil. (Das Bild zeigt unser Fahrzeug im Polizeihof, im Auto sitzend Fahrer Nase, stehend davor Ritschi).

Viele Grüße Ritschi

Angefügte Bilder:
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